Philosophie

Warum „VIA – WEGE IM KONFLIKT“?

 

Unterschiede, die (k)einen Unterschied machen

Wir Menschen sind verschieden und wir sind es auf unendlich viele Arten und Weisen. Unterschiede sind die Quelle für Individualität und Vielfalt – aber auch für Konflikte.
Im Fokus von VIA stehen die Konflikte in Paarbeziehungen, Familien und in Organisationen.
VIA hat dabei besonders sog. „hochstrittige“ Konflikte im Blick und unterstützt bei der Suche nach Wegen im („hochstrittigen“) Konflikt. Das Bild vom Weg und der Weg-Suche auch in schwierigem zwischen-menschlichen „Gelände“ ist für VIA Programm.

Es gibt Unterschiede, die durch angeborene und erworbene Merkmale gegeben sind und die wir als selbstverständliche Gegebenheit nicht weiter hinterfragen wie z.B. die unterschiedliche Farbe unserer Augen, unsere Lieblings-Eissorte, unsere Vorliebe für das Meer oder die Berge … Unterschiede machen uns aus und erst durch Unterscheidung entsteht Individualität und Eigenheit. Wir leben in einer unendlichen Vielfalt solcher Unterschiede, die uns nicht weiter beschäftigen. Es sind Unterschiede, die keinen wirklichen Unterschied zwischen uns machen, weil aus ihnen keine Probleme für unser Zusammenleben und -arbeiten erwachsen. Daneben gibt es jedoch Unterschiede, die viel offener und anfälliger sind für negative Bewertungen und wirkliche Probleme bereiten können.

Wenn aus Unterschieden Konflikte werden

Bewertende Unterschiedsbildung und die Konstruktion von Unterschieden sind zentrale Mechanismen für die Entstehung von Konflikten. Menschen machen Unterschiede und sie erfahren, dass Unterschiede mit ihnen gemacht werden. Das Machen von Unterschieden birgt ein großes Potential für Kränkung und Verletzung. Es braucht leider nicht viel, damit sich an einer bewertenden Unterscheidung gefährliche Differenzen entzünden, die das Miteinander belasten und nicht selten radikal verändern. Schnell werden aus Menschen mit (gemachten) Unterschieden streitbare Konfliktparteien, wenn sie daran scheitern, Unterschiede, die für eine oder beide Seiten einen wirklichen Unterschied ausmachen auszubalancieren.
Sind Konflikte im Gange, konstruieren wir Unterschiede. Wir reden sie geradezu herbei, um Distanz zu schaffen und die Kluft gegenüber jenen zu vertiefen, die wir (zutiefst) ablehnen. Unterschiede, die im Dienste der Etablierung und Verfestigung von hierarchischen Machtverhältnissen stehen provozieren Widerstand, „Kämpfe um Anerkennung“ (Axel Honneth).

 

VIA hat besonders den „hochstrittigen“ Konflikt im Blick

Paarbeziehung und Familie sind ein besonderer „Ort“, an dem aufgrund der enormen Vielzahl potentieller Unterschiede die unvermeidbare Aufgabe der Differenz-Balance zu einer ganz besonderen Herausforderung wird. Sogenannte „hochstrittige“ Konflikte in (Trennungs)Familien und in Organisationen bilden den besonderen Fokus von VIA.
 Die Angebote von VIA richten sich an unmittelbar Betroffene, Streitparteien im familiären und beruflich-institutionellen Bereich sowie an professionelle Akteure, die in ihrem jeweiligen beruflichen Feld mit „hochstrittigen“ Konflikten konfrontiert sind. Die aus dem Hochkonflikt resultierenden Notlagen und Risiken für die unmittelbar betroffenen Eltern und Kinder sowie das (professionelle) Umfeld stehen im Mittelpunkt.

 

„Hochstrittige“ Konflikte sind anders

Auf einem niedrigen Konfliktniveau sind die Beteiligten „bei sich“, d.h. die vernünftigen Anteile behalten in beiden Konfliktparteien die Oberhand. Der Zugang zu den eigenen Gefühlen ist nicht blockiert, auch die Empathie für den Kontrahenten ist (noch) nicht untergegangen, so dass das Handeln immer wieder auf das „große Ganze“ und das Wohl des Kindes ausgerichtet werden kann. 
Im Unterschied dazu sind die Akteure auf einer fortgeschrittenen Eskalationsstufe „außer-sich“. Ausgelöst durch massive Kränkungen und Verletzungen haben mächtige Gefühle (Wut, Hass, Rache-Impulse) und eine destruktive Logik die Regie übernommen – mit entsprechend destruktiven Handlungen als zwangsläufiger Folge. Dies führt im schlimmsten Fall zu einem Kampf um jeden Preis, in dem jedes Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen recht ist. Moralische Kategorien werden außer Kraft gesetzt. Die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich an Vereinbarungen und Verträge zu halten schwinden immer mehr.

Vulkanausbrauch als Bild für die Explosivität von „Hochstrittigkeit“

 

Auf der Suche nach Wegen im Konflikt … und Haltungen

Oft erscheint die Lage im chronischen Hoch-Konflikt hoffnungslos, die Probleme wirken schier unlösbar angesichts des fortgeschrittenen Eskalationsniveaus mit seinen erstarrten Feindbildern und festgefahrenen Kampfmustern. Eine derartige, von Hoffnungslosigkeit bestimmte Problem-Hypnose ist natürlich wenig hilfreich. Deshalb hat sich VIA für die Suche nach Wegen im Konflikt ein zuversichtliches Motto auf die Fahnen geschrieben: Die Welt ist groß und Rettung lauert überall.“ (Ilja Trojanov). Es gibt immer Wege im Konflikt.
Auch das kleine Wort „trotzdem“ steht für Hoffnung wider allen Augenschein. Die ihm zugrundeliegende Haltung baut auf jene positiven Stimmen im Einzelnen und im Konfliktsystem, die die Hoffnung auf Deeskalation und Befriedung noch nicht begraben haben.

 

Theoretische Vielfalt beim Zugang zum Phänomen „Hochstrittigkeit“

Der „hochstrittige“ Konflikt hat viele Gesichter. Es sind vielfältige Aspekte, die ihn ausmachen. Angesichts seiner Vielschichtigkeit braucht es auch eine Vielfalt theoretischer Zugangswege, um die innere und äußere Not des Einzelnen im-(Hoch)Konflikt und die besondere Dynamik des Konflikt-Systems besser zu verstehen. 
Modelle aus der Kommunikationstheorie, an der Ego-State-Therapie orientierte tiefenpsychologische Überlegungen, hypno-therapeutisch, systemische Sichtweisen und der Blick auf die neuro-physiologischen Grundlagen im Konflikt-Stress ergänzen sich im VIA-Konfliktverständnis.

Die verschiedenen theoretischen Zugänge bringen auch eine methodische Vielfalt bei der Suche nach passenden Haltungen und Handwerkszeugen mit sich. Ein Leitspruch für VIA ist deshalb:
„Wer nur einen Hammer hat, für den besteht die Welt aus Nägeln.“
Weg-weisend für die Konflikt-Arbeit von VIA ist die Erkenntnis, dass die erbittert geführten „Kriege im Kleinen“ ein Denken und Handeln notwendig machen, das über beraterisch-therapeutisches Verstehen und Wissen hinausgeht. Es braucht darüber hinaus konfrontierende, Grenzen setzende Haltungen, Handlungsformen und Settings.